Buchbesprechung: Rammig/Hartmann, Am Rande der Gesellschaft, 2018

Die Bikers News berichtet aktuell darüber, dass der President des Hells Angels MC Hof City ein Buch veröffentlich hat, das eine Mischung aus Autobiografie und Bildband ist. Polizei-Compliance hat das von Andreas Rammig (trotz oder wegen „leider nur Straßen-Abitur“, S. 5) verfasste und mit Fotografien von Jan Hartmann versehene Buch (dieses kommt als Bildband im A4-Format mit Hartcover zu einem Preis von 25,90 €, ISBN 978-3-9820-2300-7) mit Interesse gelesen und ausgewertet.

Angestoßen durch einen Bericht der Bikers News (dort findet sich auch eine weitere Buchbesprechung) hat sich der Verfasser dieser Mitteilung mit „Am Rande der Gesellschaft“ eingehend befasst. Das Ergebnis vorweg: Es fällt auf, dass klare Bezüge zu den Hells Angels vermieden werden. Wer sich das Werk wegen des berühmt-berüchtigten „Deathheads“ gekauft hat, wird enttäuscht sein. Das gilt sowohl textlich als auch hinsichtlich der Fotografien, die ganz überwiegend Bezüge zum Blood Red Section MC – einem mit den Hells Angels MC Hof City befreundeten MC – herstellen. Dafür werden umso mehr Einblicke in den Alltag eines Rockers gegeben, der (zumindest in Jugendjahren) vor allem – so gewinnt man den Eindruck – aus unüberlegten Aktionen (dazu gehören auch die Begehung jugendspezifischer Straftaten und der Drogenkonsum) einerseits, aber auch inniger Freundschaft und kameradschaftlicher Verbundenheit andererseits besteht.

Die Erzählungen von Andreas Rammig sind durchweg glaubhaft und erwecken nicht den Eindruck, dass hier beschönigt oder sonst irgendwie am Leser manipuliert würde. Dabei wird deutlich, dass das Bild, das seitens der Behörden und Landeskriminalämter von der Subkultur der Rocker gezeichnet wird, so nicht stimmen kann, zumindest aber sehr unvollständig ist. Ein großes Manko ist in diesem Zusammenhang sicher auch, dass Szeneangehörige in gerichtlichen Verfahren – wie sie derzeit etwa hinsichtlich der massenweise ausgesprochenen Waffenverbote geführt werden (hierzu Albrecht, NJOZ 2015, 1473) – selten zu Wort kommen, obwohl dies im Interesse der Sachverhaltsaufklärung doch naheliegend wäre.

Rammig wirft in diesem Zusammenhang die Frage auf, weswegen der Staat ein so großes Interesse, daran hegt, gegen Rocker mobil zu machen (S. 79). Seiner Feststellung, die Ursache müssten wohl „Neid und Missgunst“ sein (S. 80), vermag der Verfasser dieser Mitteilung nicht zu folgen. Nach hier vertretener Auffassung ist gerade im Bereich der Gewährleistung der inneren Sicherheit ein zunehmendes Politikversagen festzustellen, das rechtfertigungsbedürftig ist. Rocker bieten insoweit bspw. eine gute Möglichkeit, durch Aktionismus und „Zero Tolerance“ von dramatischen Fehlentwicklungen (etwa auf dem Gebiet der Bekämpfung von Terrorismus, Wirtschafts- und Regierungskriminalität) abzulenken.

Hinsichtlich seiner Erklärung, weswegen es innerhalb der Rockerszene immer wieder zu gewaltsamen Konflikten kommt, dürfte dem Autor des Werkes zu folgen sein. Auch der Rezensent sieht insoweit weniger den Kampf um die Herrschaft über kriminelle Märkte, als vielmehr einen überzogenen Ehrstandpunkt als Ursache. Dazu Rammig: „Ein normaler Journalist oder ein gewöhnlicher Familienvater kann sich nicht vorstellen, dass man aus gekränkter Eitelkeit oder verletztem Stolz soweit gehen kann, aber wir wissen, dass es so ist.“ (S. 47).

Kritik: Unverständlich ist, dass innerhalb der Subkultur – so auch hier (vgl. S. 44, S. 163) –  immer wieder auf ein striktes Drogenverbot hingewiesen wird (das in einzelnen Fällen tatsächlich auch schon dazu geführt hat, dass Mitglieder einen MC verlassen mussten), solange zu den großen, medial aufbereiteten, in diesem Zusammenhang stehenden kriminellen Aktionen keine klare Position bezogen wird. Das diesbezügliche Versäumnis ist allen Szeneangehörigen gleichermaßen anzulasten.

 

Autor: Florian Albrecht

 


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